14
Jun
2007

Auf Vorrat?!

Ok... hiermit eröffne ich also mein kleines Securityboard. Hier kommt alles rein das entfernt mit Sicherheit zu tun hat. Sicherheit am Rechner, Sicherheit im Land, in der Welt... Aber auch Datenschutz und die Sicherheit der eigenen Privatsphäre. Und damit will ich auch anfangen...

Die meisten werden wissen das es ein neues Gesetz gibt, das das sammeln und speichern von Verbindungsdaten erlaubt. Das alles dient dem "Kampf gegen den Terror". Und es ist ein gesamt europäisches Problem. Kein rein deutsches. Was es nicht weniger schlimm macht. Musste man sich bisher irgendwie verdächtig machen damit der Staat Daten der Telekommunikation sammeln durfte, passiert das demnächst einfach auf Vorrat. Und zwar von jedem der E-Mail, Telefon, Internet, SMS, und ähnliches benutzt. Der Sinn und Zweck dahinter wird von ziemlich vielen Stellen bestritten. Ist es doch eigentlich völlig unzweifelhaft das Terroristen sich wohl kaum davon abhalten lassen. Zum einen ist die Sache eh eher nachhaltiger Natur, zum anderen ist das Umgehen dieser Einschränkungen denkbar einfach. Seine Mails verschickt man über ausländische Server und schon sind die Spuren recht gut verwischt. Und so weiter und so weiter. Auch eigene Server sind recht schnell aufgesetzt... Unterm Strich bleibt für den Staat also in erster Linie die Daten aller Bürger die sich nicht diese Mühe machen. Und ganz der deutschen Mentalität folgend, regt sich nur eine Minderheit darüber auf. Der Harte Kern sozusagen. Ich gehöre dazu. Meine Beschwerde liegt dem Bundesverfassungsgericht vor. Und mit mir die vieler anderer. Deswegen lassen wir das auch mal beiseite. Wir wenden uns einer ganz ökonomischen Seite des Theaters zu. Einer die ich schon vor Monaten habe kommen sehen.

Die Musikindustrie hat einen schweren Rückschlag erlitten, als vor kurzem ein Gericht die T-Com dazu verurteilte, gefälligst die Verbindungsdaten von Flatrateusern sofort zu löschen und nicht 80 Tage im Keller liegen zu lassen. Die Telekom kam dem nach, schränkte aber ein, man müsse sie wenigstens 7 Tage speichern. War ok. Damit konnten alle Beteiligten leben. Nur die Musikindustrie war jetzt ins Hintertreffen geraten. Sieben Tagen sind einfach zu wenig um ein Verfahren einzuleiten und mit gerichtlicher Hilfe die Identität hinter eine IP Nummer ausfindig zu machen. Eine Einladung für alle die Emule leer "saugen".
Nun kam aber das Gesetzt das verlangt das eben die Daten zur Ermittlung von Identitäten hinter IPs, bitte sechs Monate gespeichert werden müssen.
Man könnte meinen das reicht um einen Anzeige zu stellen und dann dem Gericht dabei zuzusehen wie es die Person ausfindig macht. Dem ist aber nicht so, sieht man sich an wie die Musikindustrie unsere Gerichte mit "minderwertigen" Klagen überschüttet. Und kaum ist diese Erkenntnis in die Köpfe der Verantwortlichen gesickert, werden Rufe laut, doch bitte länger als sechs Monate zu speichern. Die EU Vorlage würde es möglich machen. Und anstatt selbst danach zu rufen, schickt die Industrie ihre Lobbyarbeiter voran. Mit dem Ziel sich letztlich nur noch anzuschließen...

Vor einiger Zeit habe ich den Abgeordneten des Bundestags (ja, allen...) eine E-Mail geschrieben. In der habe ich darum gebeten mir zu erklären, wie sie die Begehrlichkeiten der Industrie an diesen Verbindungsdaten abwehren wollen. Ich habe (selbstverständlich?!) bis heute keine Antwort. Aber warum sollte man sich auch mit dem gemeinen Volk auseinander setzen. Immerhin reicht der Kampf gegen den Terror ja als Begründung völlig aus.

Nur damit das nicht im falschen Licht erscheint, ich unterschätze den "neuen" Terror keineswegs. Und die Möglichkeiten die ihm durch die moderne Telekommunikation unterbreitet werden, auch nicht. Aber gerade deshalb halte ich all das für unsinnig. Durch das sammeln von Verbindungsdaten wird kein ernsthaftes Attentat verhindert werden. Wer in der Lage ist eine Bombe zu bauen – entgegen der Meinung sind Anleitungen dazu im Internet bei weitem nicht so häufig wie unser Innenminister gerne verkündet – der ist sicherlich auch in der Lage verschlüsselte E-Mails zu versenden. Ich kann das... und ich würde aus dem Stand keine Bombe zusammen kriegen. Und wenn ich meine Mails verschlüsseln kann, dürfen mir Verbindungsdaten herzlich egal sein. Aber selbst wenn ich trotzdem darauf wert lege... Die Spuren zu verwischen ist für einen mittelmäßig begabten Techniker ohne weiteres möglich. Und selbst wenn nicht, das Budget einer Terrorzelle gibt sicherlich auch solche Sicherungsmaßnahmen her.
Aber all das scheint unser Staat nicht zu sehen. Ihn interessiert nur die Möglichkeit, auch nach wenigstens sechs Monaten noch nachvollziehen zu können, wann einer der 82 Millionen Bürger mit einem anderen gesprochen hat. Aber warum ihn das so brennend interessiert, dazu hat er noch keine schlüssige Erklärung abliefern können.

Die Frage ist ja, was lässt sich aus den vielen hundert Gigabyte an Daten pro Tag, eigentlich extrahieren? Vermutlich nichts. Mit ziemlicher Sicherheit fehlt unserem Staat die Kompetenz all diese Daten sinnig auszuwerten. Aber man muss auch weiter denken. Als die EU ganz bereitwillig allerhand Daten von USA Reisenden ausgegeben hat, hat sich niemand beschwert. Als man beschloss für jeden Deutschen eine eindeutige und "ewige" Steuernummer einzuführen, hat sich niemand beschwert. Als man dem Bafögamt erlaubte, im Rahmen der Terrorabwehr die Konten der Antragsteller zu kontrollieren, hat sich niemand aufgeregt. Als man beschloss unsere Ausweise mit RIFD Chips zu versehen, hat sich kaum jemand aufgeregt...
Wie weit geht das noch? Immer getreu der Maxime: "Ich habe nichts zu verheimlichen..."?! Was muss man tun um die Deutschen aufzuwecken? Vielleicht vorsichtshalber all ihre Telefonate mitschneiden? Ihnen Verschlüsselungsmethoden verbieten? Überwachen was sie im TV ansehen?
Was sind die nächsten Schritte? Sicherlich Kameras an allen möglichen Stellen. Vorzugsweise mit Gesichtserkennung. Zugriff auf die Daten der Mautstellen. Regelmäßige Kontrolle aller bargeldlosen Transaktionen. Überwachung der Konten aller Bürger. Und so weiter und so weiter...

Meine Freundin hat mich vor kurzem gefragt, warum ich auf dieses Thema so anspringe. Ich erwähnte durchaus das die Daten Tag für Tag um mehrere Terrabytes anwachsen werden und das nur in speziellen Fällen eine Auswertung wirklich stattfinden wird. Und das das 99 % der Bürger niemals betreffen wird. Aber ein Prozent von 82 Millionen sind immer noch 82000. Und was wenn ich dazu gehöre? Ich wohne mit Studenten zusammen. Was wenn einer davon ausländischer Herkunft ist und sich irgendwie verdächtig gemacht hat? Wird dann die Kommunikation des ganzen Hauses vielleicht über Monate oder Jahre hinweg überwacht und ausgewertet? Oder was wenn ich regelmäßig in eine Kneipe gehe in der sich Menschen treffen die irgendwie in den Fokus der Überwachungsorgane geraten sind? Werden dann Beamte des BND alles überwachen das ich am Tag so anstelle, nur weil ich meine Cola oder mein Bier immer im selben Laden trinke?

Die "Anschläge" auf die Bahn wurden nicht verhindert in dem man die Täter über Monate beobachtet. Sie wurden gar nicht verhindert. Sie wurden schlicht von Anfänger verübt die von dem was sie taten nicht die geringste Ahnung hatten! Kein Kontrollorgan wusste bescheid. Niemand hat etwas kommen sehen. Ebenso wenig wie am 11. September. Oder an einem der unzähligen späteren Attentaten. Und bisher hat niemand den Beweis erbracht, das durch Überwachung auch nur eins der Attentate hätte verhindert werden können.
Um es mal auf den Punkt zu bringen: Man verarscht uns! Und man setzt uns aufs Spiel. Zu einem Preis von dem wir alle eigentlich keine Ahnung haben. Milliarden von Datensätzen werden nach sehr kurzer Zeit die Ambitionen sehr vieler Hacker wecken. Und sei es nur um zu beweisen das sie es können. Man wird es immer und immer wieder versuchen. Man stelle sich nur das Interesse der Industrie an solchen Datensätzen vor. Von einem Tag auf den anderen würde man seine gesamte Zielgruppe kennen. Mit persönlichen Vorlieben, mit Einkommen, mit Freundeskreis. Man würde wissen ob sie Pornos konsumieren oder Sonntags in die Kirche fahren. Oder beides... Werbung würde schlagartig neu erfunden werden. Und das alles weil man uns katalogisiert hat. Im Kampf gegen den Terror.
Ja... es werden "schöne" Zeiten. Und wir alle ergeben uns unserem Schicksal. Ohne auch nur einmal darüber nachzudenken... Denk nach Leute. Bitte...

Beitrag auf ZEIT online

Wikipedia Artikel

Vorratsdatenspeicherung.de

Artikel auf Heise.de

SEETHER
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sjAlfur - 16. Jun, 13:42

was mich an der ganzen sache viel mehr stört, ist die unmenge an geld, die für die sammlung und (angebliche) auswertung der daten verschleudert wird... zumindest werden würde, wenn es gründlich gemacht wird.

allerdings nervt mich abseits des geldes dabei ein bestimmter punkt doch ziemlich: das vorschieben der anonymität. wenn mir irgendjemand sagen kann, welchen grund es geben sollte, dass ein internet-user vollkommen anonym bleibt, dann bitte... ich bin gespannt

wenn ich meine meinung im netz sage, dann sage ich sie als meine meinung und nicht als anonymer sonstwer. das ist im "realen leben" auch so. auch anonyme leserbriefe in zeitungen usw. sind totaler scheiß. diese ganze netzkultur kann (muss nicht, aber kann!) nämlich dazu führen, dass man sich nicht mehr hinter seine meinung stellt, und genau dieser substanzverlust ist ein großes problem (das leider auch in anderer form existiert...).
wenn ich mir eine porno-seite ansehe, dann hat das zwar eigentlich niemand anderen zu interessieren, aber dann habe ich da trotzdem verdammt nochmal hinter zu stehen. und daran hat sich dann auch niemand zu stören, und wenn es jemanden stört, dann soll die entsprechende person sagen was sie will, ist für mich von keinem interesse... nur als beispiel.

bedenklich ist diese datenspeicherung in jedem fall, schon alleine wegen der gefahr der von dir angesprochenen neuen dimensionen von werbung.

trotzdem ist diese überzogene phobie vor der eigenen netzidentität ein großes problem im internet und sollte in diesem zusammenhang auch erwähnt werden.

Seether - 16. Jun, 19:01

Ich gebe dir Recht. Trotzdem sichert mir die Rechtsstaatlichkeit zu, das meine Privatsphäre gewahrt bleibt. Das ich ein Recht darauf habe, jederzeit mit jedem Menschen der Welt in Kontakt treten zu können, ohne das das nachvollziehbar ist. Ich glaube nicht das hier der Gedanke der Anonymität eine Rolle spielt. Die habe ich aufgrund des technischen Aufbaus des Internets schon mal überhaupt nicht. Das ist ein Gerücht das sich etabliert hat, weil in der Boom-Zeit des Netzes niemand wirklich die Technik verstanden hat. Das dem nicht so ist, sollte jedem mittlerweile bewusst sein. Allerdings hat trotzdem nicht jeder ein Anrecht heraus zu finden wer ich bin. So was mag im Falle einer Straftat gerechtfertigt sein. Und ich sage auch nicht das die Musikindustrie zum Beispiel nicht ein Recht darauf hätte herauszufinden, wer "ihre" Musik da großzügig verteilt. Das ist durch geltenes Recht abgesegnet. Aber dann bitte auf dem herkömmlichen Weg! Schön artig über ein Gericht das dann die Feststellung der Identität gestattet. Und nicht einfach auf Verdacht, so wie von den Herrschaften gewünscht.

Und es muss die Möglichkeit gewahrt bleiben, sich anonym Informationen zu beschaffen! Ich muss beispielsweise anonym mit Kontaktstellen in Verbindung treten können. Ich muss anonym ärztlichen Rat einholen können... und so weiter und so weiter. Wenn ich allerdings in einem Forum anfange zu beleidigen, dann habe ich kein Anrecht auf meine Anonymität.

Es ist ein schmaler Grat zwischen Offenbarung und Wahrung. Aber im Kontext Datenschutz muss der Staat einfach zur Wahrung tendieren. Er darf nicht irgendwelchen Lobbyinteressen nachgeben und dann noch zu "Lügen" und Panikmache greifen.

Das Ding ist ja, das man uns meiner Meinung nach, sehr offensichtlich verarscht. Der Kampf gegen den Terror soll mir recht sein. Aber ich bin nicht bereit ihn durch den Ausverkauf meiner Grundrechte zu unterstützen. Den Maßlosigkeit ist auch einer Regierung nicht fremd. Und getreu diesem Motto wird es immer weiter gehen. Bis wir eine totale Überwachung auf allen Ebenen haben. Und davon werden nur einige ganz wenige profitieren. Die große breit Masse allerdings, verliert dadurch nur. Dinge wie das Recht auf freie Meinungsbildung zum Beispiel. Wenn sich niemand mehr traut, Systemkritische Websites zu besuchen weil ständig die "Gefahr" der Überwachung im Raum steht, dann wird genau diese Meinungsbildung irgendwann zum erliegen kommen... Und das darf nie wieder passieren...
sjAlfur - 18. Jun, 20:09

dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. generell sehe ich das auch ganz genauso, nur das internet mit seinen foren und blogdiskussionen sensibilisiert einen da doch etwas. ich habe leider schon so viele diskussionen gesehen, in denen einer zu dem thema was sinnvolles geschrieben hat, und dann kamen zehn kommentare, die alle nur "genau! nieder mit dem überwachungsstaat!" schrien. was eigentlich auch prinzipiell zu unterstützen ist, aber als diskussionsbeitrag etwas einfach.
Seether - 18. Jun, 21:09

Ach je... manche Äußerungen sollte man einfach totschweigen. Erstmal gegen alles zu sein ist so viel einfach als sich die "Mühe" zu machen sich wirklich mit etwas zu beschäftigen. Und diese Einfachheit verleitet wohl... Immer und bei jedem Thema.
Und dann gibt es auch noch die Leute die es schick finden gegen etwas zu sein. Vor allem wenn sie glauben sich dadurch einer total trendigen Randgruppe anzuschließen.
Ich für meinen Teil habe das auch schon zu oft gesehen, gelesen, gehört. Es ist ätzend...

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